[Hörbuch] Gezeichnet (Rat der Neun 1) ★★★☆☆

Ob ein Leser ein Buch als spannend und actionreich empfindet, hängt sicherlich von seinen Lesegewohnheiten ab. Jemand, der z.B. viel im Thriller-Genres unterwegs ist, wird eine Geschichte sicherlich weniger spannungsgeladen und temporeich empfinden wie jemand, der vielleicht eher in seichteren Gewässern unterwegs ist.

Anders lassen sich irgendwie die unterschiedlichen Meinungen zum neusten Buch „Rat der Neun“ von Veronica Roth nicht erklären. Wenn ich zum Beispiel lese, dass jemand das Buch als spannungs- und actionreich empfindet, frage ich mich, wo sie vor allem in der ersten Hälfte des Buchs hin ist.

Spannung?

Nun muss ich sagen, dass ich tatsächlich Bücher gelesen habe, die sehr temporeich sind, in denen in jedem Kapitel etwas passiert und vielleicht sogar der Leser mit Wendungen überrascht wird. Davon ist dieses Buch weit entfernt.

Dabei beginnt das Buch recht vielversprechend. Der Leser wird direkt in die Geschichte geworfen, wobei die uns unbekannte Welt kaum beschrieben wird. Grundsätzlich mag ich es, wenn dem Leser „zugemutet“ wird, zuerst Elemente der Geschichte als gegeben hinzunehmen, ohne deren Bedeutung zu kennen.

Aber dann verliert sich die Geschichte in einer Belanglosigkeit und konzentriert sich auf Kleinigkeiten, die weder die Handlung noch den Leser voranbringen. Vor allem als Hörbuch-Hörer wird es hier anstrengend, da es bekanntlich nicht möglich ist, langweilige Stellen schneller zu lesen. Es bedarf einiges an Konzentration, um in der ersten Hälfte der Geschichte am Ball zu bleiben und nicht abzuschweifen. Spannung ist hier eindeutig nicht zu finden.

Erzählperspektiven

Dabei nutzt Roth einen Erzählstil, der mir in letzter Zeit häufiger begegnet ist. Das Buch wird einerseits aus Sicht von Cyra aus der Ich-Perspektive und andererseits aus Sicht von Akos aus Sicht der dritten Person erzählt. Dieses eigentlich recht gelungene Stilmittel wird im Hörbuch verstärkt, in dem Cyra von Laura Marie und Akos von Shenja Lacher gelesen wird. (Shenja ist übrigens ein Mann.)

Es wird der Geschichte aber viel an Tempo genommen, wenn der Plot zu lange in einer Perspektive verweilt. Das gilt vor allem für den Part von Cyra. Ein schnellerer Wechsel zwischen den Perspektiven hätte sicherlich das Tempo der Geschichte erhöht.

Sprecher

Grundsätzlich machen die Sprecher einen guten, aber nicht überragenden Job. Vor allem die Stimme von Laura Marie fand ich recht durchwachsenen. Teilweise klang sie zu weinerlich, dann transportierte sie erstaunlich gut Gefühle. Mal wurden Sätze überbetont, dann war die Tonierung wieder genau passend zur Situation.

Die Stimme von Shenja Lacher war durchweg gleichmäßiger und irgendwie passender, was aber auch daran liegen mag, dass ich persönlich männliche Stimmen grundsätzlich als angenehmer zum Hören empfinde.

Dann kommt doch noch Fahrt auf

Im letzten Drittel des Buchs nimmt die Geschichte dann doch noch Fahrt auf und wird phasenweise spannend und wendungsreich. Dazu trägt bei, dass hier die Perspektiven häufiger wechseln und die Protagonisten intensiver miteinander agieren. Tatsächlich wird der Leser mit der einigen Wendungen überrascht. Wie gut wäre das Buch gewesen, wenn es über die gesamte Strecke von dieser Qualität gewesen wäre.

Aber das Buch endet natürlich dann, wenn es gerade Fahrt aufgenommen hat, ist es doch (mal wieder) als Serie ausgelegt. Dass man auch gute Serien ohne großartige Cliffhanger schreiben kann, ist der Autorin offensichtlich nicht bekannt.

Fazit

Ein Buch, das schwach anfängt und erst zum Ende hin lesens- bzw. hörenswert wird. Natürlich müssen neue Welten zuerst dem Leser vorgestellt werden, vor allem, wenn sie so fremd sind und irgendwo in der Galaxie verortet sind. Aber das schafft Roth so überhaupt nicht.

Die Geschichte möchte nur langsam und zaghaft den Leser erreichen. Hörer des Hörbuchs brauchen ein bisschen Durchhaltevermögen und Konzentration, um am Ball zu bleiben. Die leicht weinerliche Laura Maria unterstützt den Leser in dieser Phase des Buchs nicht wirklich.

Deutlich besser wird es im letzten Drittel. Nicht nur die Geschichte wird spannender, auch die Sprecherin nimmt mit der Geschichte an Fahrt auf. Ganz so, als würde sie den Spannungsbogen des Plots mitsprechen. Shenaj hingegen zeigt meiner Meinung nach eine über das gesamte Buch gleichmäßige und angenehme Stimme.

Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Zusammen mit dem offenen Ende würde ich Neulesern tatsächlich vorschlagen, erst auf den zweiten Band der Reihe zu warten. Erst wenn dieser in der Qualität deutlich besser ist und dort anknüpfen kann, wo dieses Buch endet, würd ich dem ersten Teil eine Empfehlung aussprechen.

 

Titel: Gezeichnet (Rat der Neun 1)
Autor: Roth, Veronica
Genre: Dystopie
Verlag: Der Hörverlag (Druckversion: cbt)
Wertung: ✦✦✦✧✧

 


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